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Hierarchien, Macht, Status – wie hängen diese Faktoren zusammen und warum ist Statusverhalten allgegenwärtig? Als einer der wenigen Experten im deutschsprachigen Raum gibt Professor Walter Ötsch in seinem Buch Jenseits der Hierarchie – Status im beruflichen Alltag aktiv gestalten Einblicke in dieses spannende Thema.

bildungscluster.at: Warum haben Sie mit Ihrem Kollegen Johannes Lehner ein Buch zum Thema Status verfasst?

Walter Ötsch: Mein Kollege Johannes Lehner und ich haben – unabhängig voneinander – Seminare bei Keith Johnstone, einem der Erfinder des modernen Improvisationstheaters, besucht. Johnstone hat eine neue Sichtweise zu Status entwickelt. Das Thema hat uns so fasziniert, dass wir es selbstständig für den Bereich wirtschaftlicher Organisationen aufbereiten wollten.

bildungscluster.at: Sie schreiben Statusverhalten ist allgegenwärtig. Warum gibt es dazu so wenig Literatur?

Ötsch: Status ist seit jeher ein Tabuthema, daran hat sich auch heutzutage nicht viel geändert. Die Menschen reden nicht gerne über ihr soziales Gewicht in aktuellen Interaktionen. Zum einen aus Scham, niemand will gerne das Gesicht verlieren, zum anderen auch, weil wir uns in vielen Beziehungen – relativ unreflektiert – in Konkurrenz zueinander befinden. In Bezug auf Status leben wir eindeutig in einer Schamkultur.

bildungscluster.at: Welchen Anteil hat beruflicher und damit auch meist gesellschaftlicher Status an der Zufriedenheit eines Menschen?

Ötsch: Der aktuelle Status hat mit Gefühlen wie Zufriedenheit als solche nichts zu tun. In manchen Kontexten fühlen wir uns wohl, wenn wir hohen Status haben, in anderen ist es umgekehrt. Am besten ist, man kann flexibel je nach Situation agieren. Entscheidend ist dabei auch das persönliche Selbstbild. Mit einem guten Selbstbild ist manchmal ein niedriger aktueller Status gut verträglich. Man sollte auch aufpassen, andere nicht durch Statusverhalten zu verletzen – zu viel Dominanz z.B. im Streit tut nicht gut, denn dadurch bewirkt man meist längerfristig das Gegenteil. Wenn Führungskräfte kreative Leistungen abrufen wollen, sollten sie beispielsweise nicht mit übertrieben hohem Status-Verhalten agieren.

bildungscluster.at: Wie hängen Hierarchie, Status und Macht zusammen?

Ötsch: Es gibt den sozialen Status aus einer Position, z.B. als Chef, oder aus Wissen, z.B. als ExpertIn. Hier geht es um den Wert oder das Ansehen einer Person in der Gesellschaft. Sie erscheint oft wie ein Persönlichkeitsmerkmal. Worüber wir in unserem Buch reden, ist hingegen Verhaltensstatus: was sich aktuell zwischen Menschen abspielt. Das kann, aber muss nicht unabhängig vom positionalen Status sein. Status-Macht kann oft unabhängig von der Stellung z.B. in einer betrieblichen Hierarchie ausgeübt werden. Entscheidend ist, dass Statusverhalten nicht notwendig von einer sozialen Position abhängen muss – auch niedriger positionierte MitarbeiterInnen können an ihrem Verhaltens-Status arbeiten.

Buch Jenseits der Hierarchie
Buch Jenseits der Hierarchie © Verlag Wiley-VCH

bildungscluster.at:Heutzutage liest man oft in Stellenanzeigen von “flachen Hierarchien”. Werden dadurch Führungskräfte geschwächt, das heißt, ist es nicht einfacher, sich in autoritär geführten Unternehmen zu beweisen?

Ötsch: Flache Hierarchien erfordern mehr Anstrengung im Hinblick auf Performance, d.h. auf aktuelles Status-Verhaltens. Zum Beispiel stellt sich in hierarchisch nicht vordefinierten Projektteams – verursacht durch das Statusverhalten der Mitglieder – schnell eine Hierarchie ein. Formale Hierarchien werden heutzutage öfter hinterfragt. Beispielsweise erwarten die Menschen von ExpertInnen nicht nur einen fachlich korrekten Vortrag (als ExpertIn, d.h. aus einem positionalen Status), sondern der Vortrag sollte auch spannend und interessant präsentiert werden: eine aktuelle Status-Leistung.

bildungscluster.at: Was verstehen Sie unter Statusspielen? Und welche sind vorteilhaft, um beruflich aufzusteigen?

Ötsch: Es macht wenig Sinn, ein Ranking der Statusspiele zu erstellen, die wir in unserem Buch beschreiben. Entscheidend sind immer die eigenen Ziele, die persönliche Ethik und der Kontext einer Situation. Wer beispielsweise in Vorstellungsgesprächen zu dominant auftritt, hat womöglich schlechtere Karten, den Job zu bekommen. Mit der richtigen Körpersprache und der richtig gewählten situativen Verhaltensweise kann man viel erreichen. Dabei ist eine entscheidende Frage: Wie kann ich mich schnell mit dem Gegenüber, in diesem Fall dem Personalisten bzw. der Personalistin, matchen?

bildungscluster.at: Was entscheidet mehr über beruflichen Erfolg: Fachliche Qualifikation oder persönliches Statusverhalten? Wie konnte zum Beispiel Donald Trump die Präsidentenwahl in den USA gewinnen?

Ötsch: Beides. Erfolg ist immer eine soziale und keine persönliche Kategorie. Nur wenn mein Statusverhalten mit dem jeweiligen sozialen Netz in Einklang ist, werde ich erfolgreich sein. Der Trump-Sieg ist eine Folge der spezifischen politischen Gegebenheiten in den USA. Trump hat mit seiner einfachen und klaren Rhetorik die vorhandenen Umstände ausgenutzt, Ängste geweckt und einfache Lösungen präsentiert.

bildungscluster.at: Kann man wirklich sein eigenes Statusverhalten beeinflussen? Kann man es lernen?

Ötsch: Ja das kann man. Ich habe dazu viele Seminare gehalten. Entscheidend ist immer die Frage, über welche Bewusstheit in Bezug auf das eigene Verhalten und seine Wirkungen man auf andere verfügt. Darum ist es wichtig, Statusspiele zu kennen und zu übern, das sie aktuell wahrzunehmen.

bildungscluster.at: Sollten Führungskräfte, Chefs oder auch MitarbeiterInnen Fehler zugeben?

Ötsch: Das ist kontextabhängig. Man sollte sich vorher die Frage stellen, welcher Grad von Offenheit in einer Organisation klug und auch möglich ist. Wichtig ist, die jeweilige Unternehmenskultur zu kennen. In einer offenen, kommunikativen Umgebung tut man sich leichter, Fehler einzugestehen. Wer über andere, die Fehler begangen haben, urteilt, sollte (verletzende) Adjektive über die Person selbst vermeiden; d.h. z.B. nicht sagen: „Sie sind …“ oder „Du bist …“ Es gilt dabei, die Verhaltensebene von der Identitätsebene der Person zu trennen. Daran scheitern viele.

bildungscluster.at: Was sind die Top 3 der sprachlichen Mittel, um Status zu erreichen?

Ötsch: Man kann sich nicht einfach bestimmte sprachliche Merkmale herausnehmen, die in jeder Situation geeignet sind – dafür ist Kommunikation zu komplex. Jedoch können Sie sich in unserem Buch einen Überblick über die wichtigsten sprachlichen Mittel verschaffen, zu . Man kann anhand dieses Wissens üben, das Statusspiele bei anderen zu erkennen und dann selbst – je nach Kontext – einzusetzen.

bildungscluster.at: Warum spornen uns Idole zu Höchstleistungen an?

Ötsch: Denken Sie an Ihr Schulzeit zurück. Vermutlich gab es LehrerInnen, die bei Ihnen die Freude am Lernen geweckt haben :: das zeichnet auch gute LehrerInnen aus. In anderen Fächern hatten Sie womöglich mit LehrerInnen zu tun, die Sie demotiviert haben. Die Kunst als LehrerIn ist es, den Spagat zwischen Autorität und einer Prise Lockerheit zu schaffen, um bei den Schülern die besten Leistungen abzurufen. Das gilt auch für Führungskräfte: als Autorität andere zu führen und als Coach anderen zu dienen.

bildungscluster.at: In der neuen Ausgabe Ihres Buches haben Sie auch ein Kapitel zum Thema Social Media eingefügt. Welchen Einfluss hat dieser Kanal auf Status?

Ötsch: Das problematische an der Online-Kommunikation ist, dass nonverbale Signale nicht oder unzureichend wahrnehmbar sind. Auch wenn es mittlerweile eine Vielzahl von Emojis gibt, können sie doch nicht real spürbare Signale ersetzen. Face-to-Face kann eine schnellere Klärung erzeugt werden. Auch das Raumerlebnis spielt eine große Rolle. Denken Sie an Meetings: In der Regel ist es angenehmer und fruchtbarer, sich in einem Kaffeehaus zu verabreden als in einem kühlen Besprechungsraum. Dennoch funktionieren Statusspiele auch in den sozialen Medien sehr gut.

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Author: Dominik Buchbauer

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